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Erschienen in der
Jüdischen Allgemeinen
am 13.03.2003
.Update dringend nötig
Antiisraelische Verdrehungen in Microsofts "Encarta Enzyclopädie Professional 2003

Die Welt auf einer Scheibe oder 65 dickleibige Lexika auf einer Compakt Disk - das ist die "Microsoft Encarta Professional 2003" - ein Kompendium des Universalwissens in fast 50000 Artikeln, kombiniert mit 24000 Multimedia-Elementen, einer benutzerfreundlichen Suchfunktion, inklusive eines regelmäßigen Online-Updates. Im Vergleich zu früherenVersionen wurden in der neuen Ausgabe alle Texte "einer gründlichen Revision unterzogen, inhaltlich überarbeitet oder neu strukturiert." Das ist die gute Nachricht. "Die vergessene Geschichte Palästinas" heisst ein Artikel aus der Feder Dr. Heinz Vestners. Schlecht an dieser Nachricht ist nicht etwa, dass bisher unbekannte oder gar vergessene historische Fakten offen gelegt würden, sondern dass dieser Artikel zahlreiche Fehler enthält und den Nahost-Konflikt so eigenwillig interpretiert, dass man meinen könnte, Yassir Arafat persönlich hätte ihn geschrieben und noch ein paar unbequeme Details ausgelassen. Das größte jüdische Portal, haGalil.com, wirft der "Encarta"-Redaktion gar "Geschichtsverdrehung unter enzyklopädischem Deckmäntelchen" vor.

Wer die Geschichte Palästinas "objektiv" und ausgewogen darstellen will, gerät schnell in ein Minenfeld, aus dem es kein Entrinnen gibt. Schon der Begriff "Palästina" ist umstritten. Die Peel-Kommission, die 1936 die Aufteilung des Mandatsgebietes in einen jüdischen und arabischen Staat vorschlug, musste sich von arabischen Führern anhören, "Palästina" sei eine "zionistische Erfindung". Dr. Heinz Vestner jedoch ist sich sicher, eine historische Kontinuität von den legitimen "Eingeborenen", den Arabern, bis zur Jetztzeit entdecken zu können: "1500 Jahre lebten in Palästina also fast nur Araber, später Palästinenser genannt." Dass die arabische Bevölkerung in Palästina gleichfalls mehrheitlich aus Immigranten bestand, die mitnichten und im Gegensatz der zionischen Einwanderung ein Recht auf "ihre seit 1500 Jahren angestammten Heimat" hätten beanspruchen können, vergisst der Artikel zu erwähnen. Diese sehr vereinfachte Sicht der Dinge führt konsequent dazu, dem heutigen Staat Israel das Existenzrecht abzusprechen. "Ein "Existenzrecht" des israelischen Staates ist weder historisch noch völkerrechtlich herzuleiten", heisst es in der "Encarta Professional". ".. der Zionismus hat sich dieses "Recht" zu einem günstigen Zeitpunkt politisch einfach genommen." Sehr gewagt auch der Vergleich, die Vertreibungspolitik Israels erinnere "an die historische Annexionspolitik der USA gegenüber den Indianern und Mexiko im 19. Jahrhundert".

Besonders zynisch klingt, dass Vestner ständig von der "illegalen Einanderung" der Juden spricht, wenn es um die Zeit vor der Staatsgründung Israels geht. "Illegal" sicher nach den Vorschriften der damaligen britischen Besatzungmacht. Aber ob das angesichts der verzweifelten Versuche der Juden, sich vor der Vernichtung durch der Nazis zu retten, eine angemessene Weise ist, das Problem zu beschreiben, darf bezweifelt werden. Vestner scheint die zionistische Idee als solche zu verurteilen: "Das 'verloren gegangene historische Land' Palästina sollte und musste es sein - eine Forderung, die das Rad der Geschichte um fast 2000 Jahre zurückdrehen sollte." Das klingt danach, als wäre ihm lieber gewesen, alle Juden hätten angesichts der Pogrome in Russland Anfang des Jahrhunderts nach Uganda flüchten müssen, wie die Regierung Großbritanniens es im Jahr 1903 vorgeschlagen. Vestner bezeichnet die zionistischen Siedlungen abfällig als "schleichende Aggression".

Auch mit Details nimmt es Vestner nicht so genau: "Der Judenstaat" von Theodor Herzl wurde nicht 1892, sondern vier Jahre später publiziert. Und die Staatsgründung Israels war nicht am 9. April, sondern am 14. Mai 1948. Falsch ist es auch, von einer "einseitigen und tatsächlich völkerrechtswidrigen Proklamation des Staates Israel" zu sprechen. Hier hätte ein Blick in die UN-Resolution 181 aus dem Jahr 1947 die Perspektive zurechtgerückt: "Unabhängige arabische und jüdische Staaten sowie das Besondere Internationale Regime für den Stadtbezirk von Jerusalem - ausführlich erläutert in Teil III dieses Planes - sollen zwei Monate, nachdem der Abzug der Streitkräfte der Mandatsmacht beendet worden ist, auf jeden Fall nicht später als am 1. Oktober 1948, zur Existenz gelangen."

Die Proklamation des Staates Israel sei "vom ersten Tag an zum 'Stachel im Fleisch' der arabischen Welt" geworden, deshalb reagierte (!) die arabische Welt bereits am nächsten Tag mit einem Truppeneinmarsch". Kein Wort zum Beispiel über die Tatsache, dass die arabischen Regierungen schon während des Zweiten Weltkrieges Hitler unterstützt hatten, dass die jüdischen Siedlungen in den Jahren vor Ende des britischen Mandats ständigem Terror ausgesetzt waren, dass die Briten den arabischen Freischärlern Waffen und Unterstützung gaben - gegen die Juden. Kein Wort über den fanatischen Judenhasser Amin el-Husseini, den ehemaligen "Großmufti" von Jerusalem: der genoss die Unterstützung der "Arabischen Liga" und finanzierte nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem von den Nazis während seines Exils in Berlin erhaltenen Geld die sogenannte "Arab Liberation Army, die die Juden "ins Meer werfen" wollte.

Offenbar treibt auch Vestner ein "antizionistisches" Motiv. Er verliert kein Wort darüber, dass die Araber den UN-Teilungsplan eben nicht akzeptierten, sondern sich einig waren, den gerade entstandenen Staat Israel von der Landkarte auszuradieren und unter sich aufzuteilen.. Der Autor der "vergessenen Geschichte" gibt als Grund für die Ablehnung an, die Araber hätten nicht akzeptieren wollen, dass ihnen das Land nicht anteilig und in Relation zur Bevölkerungszahl zugesprochen worden wäre.

Selbst Terroranschläge und Flugzeugentführungen erscheinen im "Encarta"-Artikel als ein legitimes Mittel der Politik, eine Art palästinensische Lobbyarbeit, für die man Verständnis haben muss:ĄDie Weltöffentlichkeit hat sich für die Probleme der Palästinenser erst seit der ersten Flugzeugentführung durch Leila Khaled interessiert und seit Terroranschläge palästinensischer Organisationen mit Dutzenden oder Hunderten toter Israelis die Welt immer wieder daran erinnerten, dass die 'Nahostkrise' nach wie vor ungelöst war. Allzu plausibel und unhinterfragt erschien den meisten, dass Israel sich dagegen schützen müsse und dürfe, und sei es durch Krieg und Gegenterror." Nach diese Logik kann man sehr leicht den Terror Osama bin Ladens und seiner Helfershelfer rechtfertigen als Maßnahme, die Welt auf Missstände und "ungelöste Krisen" aufmerksam zu machen. Vestner fordert Israel auf, über seinen "zionistischen Schatten" zu springen. Arafat habe "seit dem Oslo-Abkommen die Hand so oft ausgestreckt, dass sie ihm wohl bald abfallen wird." Die Selbstmordattentäter, deren Familien eine Prämie bekommen, wenn sie sich und Israelis in die Luft sprengen - und zusätzlich von der palästinensischen Autonomiebehörde ein Rente, bleiben von solche moralischen Appellen verschont.

Michael Hiltel, Chefredakteur der "Microsoft Encarta" weist darauf hin, dass lexikalische Artikel und "Essays" wie der von Dr. Heinz Vestner, nicht gleichwertig nebeneinander stünden. Vestner arbeite seines Wissens an einem "Buch über prominente Juden". Das scheint als Qualifikation auszureichen. Zudem stünde der Autor in Kontakt zu "linken Israelis", deren politische Position zum Nahost-Konflikt offenbar in den Artikel eingeflossen seien. Man könne es bei dem Thema ohnehin niemandem recht machen. Es hätte auch schon Beschwerden von der "anderen Seite" gegeben. Einen Artikel, der die von Dr, Heinz Vestner vergessenen und recht einseitig aufbereiteten historischen Fakten korrigiert, findet man in der aktuellen Ausgabe der "Encarta Professional" jedoch nicht.

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